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Pressemitteilung zur Woche der Seelischen Gesundheit 2018

Keine Sorge - uns geht´s gut?

Unsere Kinder sind gesund – zu dieser Einschätzung kommen Eltern in Deutschland, wenn sie den allgemeinen Gesundheitszustand der 3- bis 17-Jährigen beurteilen sollen. Folgt man den aktuellen Daten des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys des Robert Koch-Instituts (KIGSS), wird dies in den repräsentativen Daten nur bedingt bestätigt.

Seit einigen Jahren zeigt etwa jedes fünfte Kind und jeder fünfte Jugendliche in Deutschland psychische Auffälligkeiten im Verhalten. Seit mehr als einem Jahrzehnt ist keine Abnahme zu erkennen. Immerhin 6% aller Kinder sind von den Symptomen so schwer betroffen, dass von einer behandlungsbedürftigen Störung auszugehen ist. Psychische Erkrankungen betreffen junge Menschen genauso wie Erwachsene und regelhaft nehmen psychische Störungen ihren Beginn in den beiden ersten Lebensdekaden. Grund genug genauer hinzuschauen, denn psychische Krankheiten beeinträchtigen erheblich die Lebensqualität der jungen Menschen und ihrer Familien, können individuelle Lebensplanungen scheitern lassen und verursachen im Entwicklungsverlauf enorme Kosten für die sozialen Sicherungssysteme.

Den Blick auf psychisch kranke Kinder und Jugendlichen werfen zwei Sendungen, sie zeigen junge Menschen mit ihren Sorgen und klären hierzu auf:

Die häufigsten Störungsbilder im Kindes- und Jugendalter sind Angsterkrankungen und die Depression, ADHS und Störungen des Sozialverhaltens. Ein besonders hohes Risiko für die Entwicklung psychischer Erkrankungen tragen Kinder von Eltern, die selbst psychisch erkrankt sind. Auch Kinder mit Mißbrauchs- und Misshandlungserfahrungen weisen ein deutlich erhöhtes Risiko auf, obgleich die Mehrzahl von Missbrauchsfällen unerkannt bleibt. Psychiatrische Erkrankungen beginnen früh im Lebenslauf und können im fortgeschrittenen Alter erneut aber verändert auftreten. Aus frühen Formen der Angst entstehen später schwerere Formen von Angststörungen und münden in Depression und Substanzmißbrauch. Kinder mit ADHS haben ein deutlich erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Sozialverhaltensstörungen.

Kinder und Jugendliche, die psychisch erkrankt sind, benötigen Hilfe. Die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen mit psychischen Störungen erhält diese durch ein Hilfenetz, zu dem niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiater*innen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen, eine teilstationäre und ambulante Versorgungsinfrastruktur genauso gehören wie Maßnahmen der Jugendhilfe. Die Zahl der Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie hat sich in den letzten 10 Jahren etwa verdoppelt. Von einer flächendeckenden Versorgung ist nicht auszugehen. Das Angebotsspektrum ist durch einen steigenden Versorgungsbedarf von einem akut werdenden Fachkräftemangel bedroht. Die Versorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlichen ist damit zukünftig in Gefahr.

Bereits heute zeigen sich Versorgungsprobleme: psychisch kranke Kinder und Jugendliche auf dem Land werden nicht ausreichend versorgt; einzelne Gruppen wie z.B. traumatisierte junge Menschen erhalten keine spezifischen Therapieangebote; Kinder mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen sind durchgängig mangelversorgt; die Übergangsversorgung ins Erwachsenenalter ist unzureichend vorhanden.

Die DGKJP (http://www.dgkjp.de/) und die Stiftung Achtung Kinderseele (http://www.achtung-kinderseele.org/) haben diese und andere Herausforderungen erkannt und engagieren sich auf vielfältige Weise für die betroffenen Kinder und Jugendlichen. Die DKJP macht sich stark für den wissenschaftlich-ärztlichen Nachwuchs und für eine optimale Versorgung psychisch kranker junger Menschen.

Obwohl die immense wissenschaftliche und gesamtgesellschaftliche Bedeutung von psychischen Störungen unbestritten ist, gehört die Kinder- und Jugendpsychiatrie als einziges klinisches Fach nicht zu den Pflichtinhalten der medizinischen Ausbildung. Dieser Mangel stellt eine systematische Diskriminierung von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen dar. Diese Kinder werden nicht ernstgenommen, so lange Medinzinstudent*innen nur durch Zufall für sie ausgebildet werden. Es ist dringend notwendig, dass die Kinder- und Jugendpsychiatrie vollwertiges Approbationsfach und verpflichtend in die Lehre an allen medizinischen Fakultäten eingebunden wird.

Die psychosoziale Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen ist zersplittert über Disziplinen und Gesetzbücher. Die daraus resultierenden Konflikte über Zuständigkeiten und Kostenträger verursachen Versorgungslücken und gehen zu Lasten der betroffenen Kinder. Daher ist eine gesetzgeberische Integration und Bündelung der kindbezogenen Leistungen in einem Sozialgesetzbuch eine lange geforderte Maßnahme. Nur durch eine stärkere Vernetzung der Leistungserbringer zwischen Medizin, Psychotherapie, Jugendhilfe und Sozialhilfe können psychisch kranke Kinder und Jugendliche optimal versorgt werden.

Die Ursachen psychischer Erkrankungen liegen in einem komplexen Wechselspiel aus Anlage und Umwelt. Die Erforschung der Ursachen psychischer Störungen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die durch eine erhebliche Intensivierung der Forschungsförderung erfolgen muss. In der anstehenden Einrichtung eines Deutschen Zentrum für Kindergesundheit sowie einem Deutschen Zentrum für Psychische Gesundheit muss die Kinder- und Jugendpsychiatrie fest verankert werden, um dem Entwicklungsaspekt psychischer Störungen gerecht werden zu können.

Nur in Kenntnis der genauen Mechanismen der Krankheitsentstehung können gezielte therapeutische Angebote entwickelt werden. Schließlich muss die Erkenntnis über die Verläufe psychischer Störungen in der flächendeckenden Etablierung von effektiven Präventionsmaßnahmen münden, um die gesamtgesellschaftliche Last infolge psychischer Störungen spürbar zu reduzieren.  

DGKJP e.V.
Reinhardtstraße 27B
10177 Berlin
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Pressemitteilung zur Woche der Seelischen Gesundheit 2018